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Vor der eigenen Haustür, im eigenen Leben sind wir oft zu verstrickt, um die einfachsten Zusammenhänge zu erkennen. Sobald wir uns hinausbegeben, an andere Orte, in ungewohnte Zusammenhänge, erfassen wir das Leben in seiner Essenz in neuer Klarheit und Intensität.

Ilona Klimek, *1970 in Köln, nimmt Sie mit nach Rotterdam - seit 1958 auch Partnerstadt von Köln - wo die vorgestellten Bilder der Reihe ‚Urban Chaos‘ ab 2013 entstanden sind.

Schon aus Kindheitserfahrungen heraus hat Klimek eine besondere, emotionale Beziehung zur holländischen Küstenregion, die niemals abriss. Als Fotografin faszinieren sie die Möglichkeiten, das besondere Licht der Gegend, bedingt durch die Lichtreflexionen von Sand und Meer, für Ihre Bilder einzusetzen. „Rotterdam ist immer zwei Blenden heller!“ sagt sie und in ihren Augen lacht die Begeisterung der Profi-Fotografin, die im Licht schwelgt und es für Ihre Bildgestaltung zu nutzen versteht. Ihre Aufnahmen mit einer Mamija-Mittelformatkamera sind besonders nuancenreich und bilden die breite Hell-Dunkel-Skala, das weite Spektrum der Töne besonders gut ab.

Neugierig und offen für alles Neue, Unbekannte war Rotterdam eine Liebe auf den ersten Blick. Rotterdam ist mit rund 630.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Niederlande. Schon im 14. Jahrhundert entwickelte sich der Hafen von Rotterdam zu einem wichtigen Warenumschlagplatz, durch den Einflüsse aus der ganzen Welt ihren Weg in die Stadt fanden. Wohlhabenden Händler bestimmten ab dem 19. Jhd. die Entwicklung Rotterdams und die Stadtväter begriffen früh, dass ein aktiv gesteuerter Zufluss von Arbeitskräften und der hiermit verbundene Zuwachs an Know-how wirtschaftliche Entwicklung begünstigen, ja ermöglichen würde. Dieser Weitblick wurzelte auch im religiösen Humanismus des Erasmus von Rotterdam, der im 16. Jhd. als bedeutender und politisch einflussreicher europäischer Denker Toleranz zum festen Bestandteil der nordniederländischen Mentalität machte. Rotterdam vereint bis heute in sich die Agilität der Handelsstadt mit den Einflüssen zahlreicher Kulturen, u. a. aus der kolonialen Vergangenheit der Niederlande. Es schillert zwischen inspirierender Vielfältigkeit, einem immensen Reichtum an Sinneseindrücken und den Abgründen und Herausforderungen ungelöster Fragen, die alle Schmelztiegel-Gesellschaften kennen. Fast die Hälfte der heutigen Bürger hat Migrationshintergrund - allein zwischen 1900 und 1930 stieg die Einwohnerzahl von 318.000 auf 580.000 Menschen an - und die Bevölkerung zählt zu den durchschnittlich Jüngsten in den Niederlande. Probleme wie Arbeitslosigkeit, soziale Polarisierung und interkulturelle Konflikte kennt man hier durchaus und insoweit ist Rotterdam ein Prototyp, eine Versuchsanordnung für die Aufgaben, die alle wohlhabenden hochentwickelten Demokratien in einer globalisierten und von politischen und kulturellen Spannungen betroffenen Welt zu lösen haben. Doch durch den florierenden Handelshafen war Rotterdam stets auf Zuwachs angewiesen und reagierte schon in den 70er Jahren durch eine Politik der aktiven Integration auf die Herausforderungen der Einwanderung. Die Vitalität der Stadt zeugt daher vom Mut zu innovativen Konzepten und der Ausdauer, sie umzusetzen. Innovationskraft zeigt sich auch in der zeitgenössischen Architektur des im zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten und danach von Grund auf sanierten Rotterdam. Die zeitgenössische Architektur der Stadt ist urban, ambitioniert, Zeichen der Prosperität und des Anspruchs auf politische, wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung.

In Rotterdam weht vom Meer her ein frischer, gelegentlich auch scharfer Wind. Die Menschen, die in der Stadt leben, musizieren in ihren Straßen, sie fahren Rad, sind alt oder übergewichtig, haben vielleicht schon früh ein Baby und legen Wert auf ihr Handy oder die richtige Markenkleidung. Klimeks Reihe ‚Urban Chaos‘ gehört zum Genre der Street-Photography, d.h. die Motive sind nicht inszeniert, abgebildete Personen waren sich der Situation des Fotografiertwerdens nicht bewusst. Die Kunst des Fotografens liegt in der Nutzung vorgefundener Lichtverhältnisse und der situativen Auswahl der Sujets – was auch mehrstündiges ‚Ansitzen‘ auf ein Motiv einschließen kann. Auf diese Weise hat Ilona Klimek in Rotterdam den urbanen Menschen in seinen individuellen Verstrickungen und lokalen Zusammenhängen exemplarisch porträtiert und diese Abbildungen biete sie an zur Betrachtung, Diskussion, Identifikation, vielleicht zur Freude, zur Belustigung, zum Liebhaben - oder als Ansporn und zur Abschreckung? Es liegt bei Ihnen, die schwarz-weißen Fotografien mit Ihren persönlichen Farben zu füllen. Rotterdam ist im Übrigen seit 1958 auch Partnerstadt von Köln.

Text von Sabine Klement


TEXT URBAN CHAOS HERUNTERLADEN (PDF)